Kontext
Während der Zeit als Grenzsoldat
Interview mit Jae-Hyun Yoo


"... Schon während meiner Militärzeit ist mir deutlich geworden, dass bei der grausamen Vorstellung eines Krieges die Wahrscheinlichkeit des Nichtfunktionierens hoch ist. Neue Technologien und genügend Luftwaffen existieren, doch dies ist erst mal symbolisch von Bedeutung. Ob diese Technologien und Waffensysteme dann auch wirklich funktionieren oder richtig angewendet werden, ist die nächste Frage. Die Tatsache, dass viele Militärdienstleistende, also unerfahrene Soldaten, in der Grenzregion stationiert sind, lässt daran zweifeln.
Während meiner Militärzeit, in den langen Nächten, in denen bei –20 bis –25 Grad Kälte an Schlaf nicht zu denken war, kaute ich immer wieder an diversen Fragen, wie auf einem alten Kaugummi, bei dem man versucht noch etwas Geschmack heraus zu bekommen: Wie würde ich mich bei einem wirklichen Kriegsfall verhalten? Was genau sind diese Unterschiede zwischen Süd- und Nordkorea eigentlich? Was ist und bedeutet Grenze überhaupt? Was würde passieren, wenn die Grenze plötzlich offen wäre? ..."

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DMZ Botschaft: Grenzraum aktiver Zwischenraum, bbooks Verlag Berlin, 2009

Unhintergehbarkeit des Dritten
von Du-Yul Song


... Eine ähnliche Betrachtungsweise über das "Zwischen" als das Dritte zeigt uns auch der südkoreanische Dichter Kim Chi-Ha, der wegen seines aufopferungsvollen Engagements für die Demokratie während der Militärdiktatur zum Tode verurteilt und dann später durch weltweite Proteste begnadigt wurde. Im Zentrum seiner "Lebensphilosophie" (shengmyung sasang) liegt ein Denken von Rissen bzw. Zwischenspalten (Tùm). Zwar erscheint dieses Tùm als Mangel, Defizit und schließlich Unvertrautheit, aber es ist ein unheimliches Wesen, das die Selbsterhaltung, die Beachtung des Anderen und die menschlichen Beziehungen gesund und kreativ gestalten kann. Es ist wie ein "Trickster" subversiv und ambivalent, aber es kann jedoch die aktuellen Probleme kreativ lösen. Er sagt dazu, Tùm sei die Voraussetzungen für Genügsamkeit, Gelassenheit, Toleranz, Ehrfurcht und Liebe. Ohne das Tùm leben wir in einer unmenschlichen und fossilisierten Welt. Nach ihm ist dieses Túm ebenfalls ein wichtiges Sondermerkmal für das Transformationszeitalter zu einer neuen Zivilisation. Seine Theorie ähnelt hier der auf Netzwerkanalysen basierenden „Interstices“ (Rissen) der Macht, die sich von hierarchischen, mit klaren Grenzen versehenen politischen Gebilden entfernen und zu Verbreitungswegen und Diffusionsweisen der Macht übergehen. Demnach ist die Macht nun dezentriert, asynchron und plurifokal zu organisieren. ...

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DMZ Botschaft: Grenzraum aktiver Zwischenraum, bbooks Verlag Berlin, 2009

Der, die, das Fremde
von Insa Breyer


... Doch das oberflächlich harmonisch erscheinende Konglomerat aus Fremden und Ausländern ist komplizierter, als es oberflächlich scheint. Erstens sind nicht alle Ausländer gleich fremd – dass Amerikanerinnen nicht die gleichen "Integrationsprobleme" hervorrufen wie Nigerianer, scheint gleichsam selbstverständlich. Zweitens haben auch Deutsche mit so genanntem migrantischem Hintergrund gute Chancen, weiter als fremd wahrgenommen zu werden – auch wenn zum Beispiel der deutsche Pass eigentlich den Status der Ausländerin abschafft.
"Der und die Fremde" und "der Ausländer" scheinen nicht identisch zu sein und dennoch harmonisch ineinander überzugehen. In der französischen und englischen Sprache kaum begrifflich zu trennen, ist der "alien" oder "étranger" ein Konglomerat aus "Ausländer" qua anderer Pass oder auch "Ausländer" aus einem diffusem "Die-sind-anders"-Gefühl heraus – da hilft dann auch nicht die "richtige" Staatsbürgerschaft. ...

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Global Alien 1-3, Traktor Verlag Berlin, 2008

Kulturelle Grenzüberschreitungen zwischen Dekonstruktion und Verwertung
von Kien Nghi Ha


... Die Diskussion um Hybridität hat auf die Wichtigkeit der Frage nach Grenzformierungsprozessen und die Möglichkeiten ihrer Überwindung bzw. Subversion hingewiesen, wodurch neue Perspektiven denkbar wurden. Sogar für das migrationspolitische Entwicklungsland BRD ist anzunehmen, dass die politische Kultur eines Tages nicht nur hyphenated-identities wie deutsch-türkisch oder asiatisch-deutsch offiziell anerkennt, sondern darüber hinaus geht. Die zunehmende Akzeptanz von Hybridisierungsdiskursen und Hybriderscheinungen erfüllt in diesem Rahmen eine notwendige intellektuelle wie gesellschaftliche Modernisierungsfunktion. Fragen der Grenzüberschreitung betreffen unweigerlich die Identität einer Gesellschaft und ihrer Kultur, da Strategien der Selbstvergewisserung ebenso wie Prozesse gesellschaftlicher In- und Exklusionen betroffen sind.
So gesehen lässt sich der Diskurs über Hybridisierung auch immer als gesellschaftliche Zeitdiagnose lesen.. ...

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DMZ Botschaft: Grenzraum aktiver Zwischenraum, bbooks Verlag Berlin, 2009